Stichworte zum »Filmfax«

Norbert Meissners Filmfax kombiniert die Kabine eines Paßbildautomaten mit einem Innenleben, das in vielerlei Hinsicht aufschlussreich ist. Immerhin bietet er eine Palette an Auswahlmöglichkeiten, die dem Benutzer des Filmfax ultrakurze Filme anbietet. Der Titel hat seine eigene Stimmigkeit: Fotofix und Filmfax sind mehr als nur sprachlich verwandt, sondern haben mediale Wesensmerkmale gemeinsam. Der Fotofix automatisierte das Porträtiert-Werden durch ein maschinelles Gegenüber. Meissners Filmfax erzeugt als Situation eine eigentümliche Mischung zwischen eben diesem Paßbildautomaten, der Abgeschiedenheit im Film-Schneideraum (oder der Peepshow) und der Situation eines Ego-Shooter-Spiels. Bezeichnend und durchaus auch mit der Geschichte des Fotofix vergleichbar ist die Entwicklung verschiedener Interfaces zum Benutzer, welche die Entwicklungszeit des Filmfax begleiteten: Je nach Entwicklungsgang unterschiedlich, hatte der Benutzer die Möglichkeit, Wählknöpfe zu drücken oder auf einem einfach gehaltenen Bildschirmmenü seine Auswahl zu treffen. Neben der grundlegenden Situation blieb auch ein wesentliches Steuerungselement des Fotofix konstant: die spiegelnde Glasfläche vor dem Display führt dem Betrachter jeweils auch sein eigenes Gesicht vor Augen.

Ungeachtet dieser Vergleichbarkeit zum Paßbildautomaten entwickelt das Filmfax sein Innenleben anders. Die vorausgegangene redaktionelle Arbeit Meissners fügt diesen räumlichen und situativen Erlebnisfolien des Filmfax auch noch das Element eines quasi lexikalischen Bildungsdisplays hinzu. Aufgeschlüsselt nach Genres bietet er eine Auswahl aus zahlreichen wichtigen Filmen an.
You must remember this, singt Dooley Wilson im 1943 erschienenen Film Casablanca. Nicht nur für die Spielhandlung des Filmes ist dieses „Muss“ eine zentrale Frage. Auch die Kenntnis der filmischen „Weltliteratur“ gehört zu dem gesellschaftlichen Etiketten. Norbert Meissners Zusammenschauen scheinen dem Trend zur komprimierten Wissensaufnahme zu entsprechen, bieten sie doch eine selbst steuerbare Reise durch die Kanons der Filmgeschichte an. Damit steht das Filmfax auch in Verbindung mit den umfangreichen DVD-Serien, die große Printmedienverlage später auflegten und damit eine weitere Form der kanonisierten Filmgeschichte schufen.
Allerdings sind Meissners Versionen stärker verkürzt, als einer „Readers Digest“-Version lieb sein kann. Auch in Struktur und Ziel unterscheiden sie sich. Weder bedienen sie das Modell des Vorfilms, der – ebenfalls auf Kompression angelegt – Werbung für den Film treibt noch das des Precis: diese journalistischen Übung kürzt durch immer weiteres Weglassen und ohne eigene Zutaten einen Text auf ein Drittel und kommt dabei zu einem Ergebnis, das dem Original noch in Stil und Inhalt entspricht. So einfach macht es aber der in Kameraarbeit und Bildschnitt erfahrene Künstler weder sich noch dem Zuschauer und Benutzer des „Filmfax“. Seine komprimiertere Sicht reduziert auch nicht im dramaturgischen Sinne auf die entscheidenden Szenen des Handlungsverlaufs, wie es vergleichbar mit einem Sportbericht oder dem Storyboard einer systematischen Filmanalyse wäre.
Vielmehr scheint er den Film bis in einzelne Elemente zu zerlegen. Bilder, Musik und gesprochene Sätze erscheinen daher nicht redaktionell gekürzt, sondern eher künstlerisch collagiert – auch wenn er die Reihenfolge des filmischen Ablaufs beibehält. In rasender Folge treffen die handelnden Personen aufeinander, fallen Worte oder Sätze. Oft bindet die Musik diese sich überschlagenden filmischen Ereignisse und inszenatorischen Impulse aus Licht, Einstellung und Schauspiel. Meissners Schlüsselszenen sind dennoch zentrale und deutlich wiedererkennbare Bilder, Töne, Einstellungen und Sätze. „Diese Geschichte habe ich schon mal gehört“ - so vernimmt man in vielschichtig stimmiger Weise Humphrey Bogart mit einem der wenigen vollständigen Sätze.
Filmfax erzeugt eine künstlerische Bezugnahme, die strukturelle Ähnlichkeiten mit Formen des kammermusikalischen Zitats oder der knappen poetischen Weiterverwendung eines literarischen Stoffs aufweist. Und wie diese bedarf Meissners überknappe Version der Erinnerung an den Film, denn dieser ist zugleich Material und Thema dieser Zusammenschauen. Sie ist aber immer auch Arbeit am Benutzer des Filmfax. Dieser wird Meissners Kurzfassung mit den eigenen Erinnerungen an den Film abgleichen, und möglicherweise feststellen, wie fest die filmischen Bilder, Töne und Handlungen im eigenen Bewusstsein verankert sind (und ebenso wahrscheinlich im kollektiven). Er wird dabei auch Abweichungen ausmachen, denn trotz klar geführter narrativer Struktur der meisten Filme und der sorgfältig erzeugten Eingängigkeit der Filmbilder sind Erinnerungen an Filme immer individuell.
In der Situation klingt nicht umsonst die Einsamkeit des E-Learning oder gar des Ego-Shooter an. Zudem ist der Benutzer ständig mit seiner eigenen Spiegelung auf der Schutzscheibe vor den laufenden Bildern konfrontiert. Er zeichnet so eine Art Selbstporträt über sein eigenes komprimiertes (Wieder-)Erleben des filmischen Geschehens. Und schließlich ist seine Auswahl des Filmes und des Genres auch eine Art kultureller Finderabdruck. Schließlich sind Fotofix und Filmfax ja verwandt.
Johannes Stahl